Aktuell

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Die helfende Hand im Alltag -
Entlastungsdienst Wil | Gossau | Untertoggenburg

Als Kim mit einer Behinderung geboren wurde, kam auf seine Eltern eine unerwartete Belastung zu. Nur durch seine Betreuerin vom Verein Entlastungsdienst konnten seine Eltern zwischenzeitlich verschnaufen.

Geschickt holt er ein Fotoalbum aus dem Schrank, legt es auf seine Knie und rollt damit zum Esstisch. «Wir waren fast alles nur Buben in der Klasse», sagt Kim und zeigt auf ein altes Klassenfoto. Dort sitzt der Neunjährige in seinem Rollstuhl und lacht fröhlich in die Kamera. «Kim ist trotz seiner Behinderung ein unglaublich zufriedener Junge», sagt seine Mutter Manuela Güpfert.

Rund sieben Wochen kam Kim zu früh auf die Welt und leidet aufgrund eines Sauerstoffmangels seither an einer cerebralen Bewegungsstörung. Diese verunmöglicht ihm, selbstständig zu sitzen, zu stehen, geschweige denn zu laufen. «Nach der Geburt wussten wir und die Ärzte gar nicht, was Kim hat. Denn er trank fast nichts und strampelte nie», sagt Manuela Güpfert. Die Ärzte beschwichtigten und wollten dem Kleinkind noch Zeit geben, sich zu entwickeln.

Wenn das Kind zum Vollzeitjob wird

Doch Manuela Güpfert wollte etwas unternehmen und ging mit dem Kind zur Physiotherapeutin. «Sie schaute sich den Kleinen an und vermutete gleich, dass er an einer Bewegunsstörung leidet», sagt die Mutter. Nach der Diagnose begann eine nervenaufreibende Zeit für die Familie. Als Baby musste Kim alle zwei Stunden gefüttert werden. «Auch heute stehen wir mindestens zwei Mal in der Nacht auf», sagt die 38-Jährige. Nebst den schlaflosen Nächten musste Manuela Güpfert ihn pflegen und den Haushalt meistern. «Eigentlich lebte ich nur noch in der Wohnung und kam gar nie nach draussen», sagt sie weiter.

Hinzu kamen die wöchentlichen Therapiestunden und Untersuchungen: «Kim war von Anfang an mein Full-Time-Job. Ich konnte kaum mehr zum Coiffeur gehen oder schnell in der Migros etwas einkaufen.»

Es war erneut die Physiotherapeutin, die für ein Schlüsselmoment im Leben der Familie aus Wil sorgte. Sie empfahl der Familie, den Verein Entlastungsdienst zu konsultieren. Darauf wandte sich die junge Mutter an Maria Fust. Sie ist die Vermittlerin, die Personen aus Wil, Gossau und dem Untertoggenburg eine Betreuerin zuweist. Schnell war eine Betreuerin gefunden: «Die Chemie stimmte zwischen Beatrice und uns von Anfang an», erzählt Manuela Güpfert. Von da an war Beatrice jeden Mittwoch bei der Familie. Sie ging mit Kim zur Therapie, machte Übungen oder spielte einfach mit ihm – auf sie konnte sich Manuela Güpfert verlassen. «Ich habe auch schon mit Beatrice Guezli gebacken», wirft Kim stolz in die Runde.

Diese Stunden, in denen sie die Verantwortung abgeben konnte, waren für Manuela Güpfert eine enorme Entlastung: «Ich wollte mich selber nie aufgeben. Ich bin zwar von Herzen gerne eine Mutter, aber ich bin auch eine eigenständige Person.»

Betreuerin wird zur wichtigen Bezugsperson

Heute geht Kim in die dritte Klasse der CP Schule Birnbäumen für Kinder mit einer körperlichen Behinderung in St. Gallen. Nur noch am Mittwoch- und Freitagnachmittag ist er Zuhause. Theoretisch ist die Unterstützung durch Beatrice nicht mehr nötig. Aber in dieser langen Zeit konnten Mutter und Sohn eine enge Bindung zur Betreuerin aufbauen: «Für Kim ist Beatrice eine wichtige Bezugsperson und für mich ist sie eine gute Freundin geworden.» Daher ist Beatrice auch jetzt noch jeden zweiten Mittwoch bei den Güpferts zuhause.

Dass die ganze Familie trotz ihres Schicksals einen zufriedenen Eindruck macht, ist auch der Unterstützung in dieser schweren Zeit durch den Entlastungsdienst Wil, Gossau, Untertoggenburg zu verdanken. «Wir leben zwar ein anderes, aber gutes Leben», sagt Manuela Güpfert mit einem Lächeln auf den Lippen.

Raphaela Roth